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Rezensionen

Buchrezension Nimmerleinstage

Von Silke Grammatikos

 

Max sucht seine Brille, während draußen die Apokalypse beginnt, denn „er wollte dem Jüngsten Tag nicht unbebrillt gegenübertreten“ – na, wenn da nicht gleich der Ton für die folgende Geschichte gesetzt ist! Draußen – das ist in Brüssel, dort spielt der kleine, feine Roman, der sich selbst Novelle nennt. Max ist ein mittelalter und sehr kurzsichtiger Mann, der mit Frau und Töchtern in einem schönen Stadthaus im Nordwesten Brüssels lebt. Oder besser: lebte. Denn mit dem Beginn des Weltuntergangs verliert Max seine Familie. Schon einige Wochen bahnte sich die Katastrophe an, Strom fiel aus, Nahrungsmittel wurden knapp, und die Familie hatte vorsorglich ein Fluchtauto gepackt. Mit dem sind Frau, Kinder und Hund offenbar gerade rechtzeitig entkommen, während Max erst noch seine Brille sucht und sich dann dabei den Knöchel verstaucht. Was nun? Nach dem kurzen, lauten und wilden Tumult, bei dem Brüssel von rätselhaften roten Kugeln bombardiert wird, ist wieder Ruhe. Max muss nachdenken, nimmt sich Wein und Fotos mit aufs Dach und verbringt so die ersten 48 Stunden mit Grübeleien. Ein unerwarteter Fortgang der Geschichte, die so chaotisch beginnt, weniger ein Fortschreiten, eher ein Innehalten. Was aber, wenn man es sich genauer überlegt, total nachvollziehbar ist und der Leserin diesen Max gleich näherbringt. Der hat schließlich eine Entscheidung getroffen, packt ein wenig Proviant in einen Rucksack und macht sich auf den Weg. Weit kommt er nicht, denn auf der Straße trifft er seinen Nachbarn Georges, der ihn erst einmal zum Kaffee einlädt. Die erste und bedeutsamste Begegnung, die Max im Laufe der Geschichte macht, viele weitere folgen. Nach einer Änderung seines ursprünglichen Vorhabens und einer kurzen Rückkehr zu Georges steht für Max fest, was vor allem anderen zu tun ist: Er muss eine Brille haben, um sich dem weiteren Leben zu stellen. Zum Glück weiß er, dass ein neu angefertigtes Modell für ihn in einem Brillenladen in der Stadt bereit liegt. Und so beginnt Max seine Odyssee, die ihn die nächsten vier Tage durch eine verwüstete, verwilderte Stadt treibt, die verrückte Abenteuer und üble Gefahren bereithält, und auf der er viele Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen erlebt. 

Das liest sich ausgesprochen flott, die Geschichte geht voran, birgt Überraschungen und fließt in einem leichten, unprätentiösen Ton. Max erinnert  an die Helden, die mit viel Glück und entwaffnendem Charme sämtliche Gefahren überleben, in die sie zuvor leichtfertig hineingelaufen sind – Max vor allem, weil er die Welt nur verschwommen wahrnimmt. Der Autor, von dem man weiß, dass er über gewaltige Brüssel-Kenntnisse verfügt, rutscht nie ab in ein Dozieren oder trockenes Beschreiben, vielmehr lässt er kleine, originelle Splitter seines Wissens eher beiläufig und im richtigen Maß in den Text einfließen. Die Story packt, die Personen sind schräg und interessant – und die Sorge, wie um Himmels Willen der Held bzw der Autor aus dieser Weltuntergangsgeschichte wieder rauskommt, ist überflüssig, denn das Ende gelungen. Wie überhaupt das ganze Buch, in Form und Inhalt, ein außerordentlich gelungenes Roman-Debüt ist: Magnifique! 

Manuel Schmitz: Nimmerleinstage. Endlich Verlag 2025

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buchfink.bxl

Buchrezension Nimmerleinstage

 

Über Leben im Ausnahmezustand

Von Hajo Friedrich

„Die Apokalypse hatte begonnen und er konnte seine Brille nicht finden“. Mit solch einer Mischung aus Schrecken und Banalität beginnt das jetzt im Selbstverlag erschienene Büchlein „Nimmerleinstage“ von Manuel Schmitz. Erstmalig veröffentlicht der Brüssel-Stadtführer und Politikwissenschaftler damit einen fiktionalen Text.

Ich empfehle – nicht zuletzt auch in Schulen – die Lektüre des in Brüssel spielenden und sich leicht lesenden Bandes. Danach dürften vor allem manche Kenner und Bewohner Brüssels die Stadt und die darin ansässigen Institutionen und Menschen in einem anderen, vielleicht realistischeren Licht sehen.

Worum geht es?

„In Brüssel geht die Welt unter“, heißt es lapidar, und der traurige Held der Geschichte – der stark kurzsichtige Max – kann in seinem Haus im Brüsseler Norden seine Sehhilfe nicht finden. Fast alle Bewohner haben die Stadt verlassen. Und auch seine Frau und Kinder befinden sich panisch auf der Flucht in den vermeintlich sichereren europäischen Norden.

Hinzu kommt, dass sich unser Held seinen Fuß verknackst hat und sich nun nur noch humpelnd auf den Weg zu einem Optiker in der noblen Avenue Louise macht, wo – wie er hofft – eine neue Brille auf ihn wartet. Der Weg dahin durch die verwüstete Stadt ist eine kleine, den Leser und die Leserin in Atem haltende Abenteuergeschichte.

Dystopien wieder im Anmarsch?

Handlung und Stimmung der „Nimmerleinstage“ haben mich teilweise etwas an die dystopischen Texte von Stanislaw Lem, Arno Schmidt und Christian Kracht sowie Filme des Russen Andrei Tarkovsky erinnert. Und auch an den Wissenschaftler Stephen Emmott, in dessen Sachbuch „Zehn Milliarden“ ein seriöser Experte gefragt wird, was ein Überlebender in einer zusammengebrochenen Zivilisation am meisten brauchen könnte. „Ein Gewehr“, lautetet – meiner Erinnerung nach – die lapidare Antwort.

Die Farbe Rot

Das Buch hat 200 Seiten und kostet 17 Euro. Vielleicht hat es ja irgendwann mal einen noch höheren Sammlerwert; auch weil es über einen sehr schönen Einband verfügt – nämlich Papier, das sich wie Leder anfühlt. Und es ist, wie die belgischen Nummernschilder, in roter Schrift gesetzt. Wobei das Vorbild für Schmitz wohl eher „Die unendliche Geschichte“ von Bestsellerautor Michael Ende gewesen sein dürfte.

Er wolle weder eine „post-apokalyptische Geschichte“ noch etwas mit ‚sex and crime‘ vorlegen, sagt Schmitz im persönlichen Gespräch. Eher einen kleinen, surrealistischen Großstadtroman, der in seinem Titel ja auf den erfundenen Heiligenname „Sankt Nimmerlein“ und damit einen Termin oder ein Ereignis anspielt, das eigentlich niemals eintreten sollte. Tja, denkste.

Berlaymont – bitte melden!

Denn genau mit der Illusion, dass die Institutionen in der Hauptstadt Brüssel – wie etwa EU-Kommission und NATO – auf ewig Wohlstand, Sicherheit und Ordnung garantieren, räumt die Novelle indirekt tüchtig auf. Die Paläste der EU-Machtelite sind offensichtlich zerstört oder verwaist. Und ihre wortreichen, vollmundigen Besitzer schon längst in sichere Häfen abgetaucht. Kein Wunder, dass die „Nimmerleinstage“ das Europaviertel links liegen lassen.

Eindrücklich schildert Schmitz, wie eng der Horizont wird, wenn Stadt und Land weitgehend der Anarchie ausgeliefert sind. Unklar lässt er jedoch, wer und was genau hinter dem „unerhörten Ereignis“ steckt und, offensichtlich vom Süden herkommend, nach der Wallonie nun auch Brüssel angreift, verwüstet und dabei merkwürdige, riesige rote Kugeln (schon wieder rot) ins Straßenbild pflanzt. Stoff für Spekulationen aller Art, aber auch Fortsetzungen und Verfilmungen bietet das in roten(!) Einband gefasste Bändchen zuhauf.

Neue Zivilisation

Klar scheint dem Helden nur, dass nach dem Angriff eine „neue Zivilisation“ entstehen wird, die wohl auch wieder „komplexe Organisationen“ benötigt. „Denn die Bürokratie hat schon im Zweistromland begonnen“- also vor langer Zeit in Vorderasien zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris, sagt Manuel Schmitz.

Die Stadt Brüssel, Architektur – insbesondere „Machtarchitektur“ – interessieren den gebürtigen Trierer schon lange. Selbst Brüsselkennern und langjährige -bewohnern sei etwa sein dazugehöriges Buch empfohlen: Monumental: Macht und Architektur in Brüssel.

 

Warum schreiben?

„Das Tollste ist, sich selber zu überraschen“

Warum jetzt erstmals ein fiktionaler Text und welche Erfahrungen hat er beim Schreiben gemacht?

Irgendwie glaube er an die romantische Idee der „Verzauberung der Welt“ sowie das „Wunder der Kreativität“ durch die Literatur. „Das Tollste ist, sich selber zu überraschen“, sagt der Autor. So sei ihm die Geschichte mit Max „woanders hingerannt“ als er sich ursprünglich gedacht habe. Zwei Enden hätte er für die Geschichte im Kopf gehabt. Und wie geht es jetzt weiter? „Ich merke, wie ich wieder anfange, Wörter zu sammeln“.

In Zukunft wolle er sich stärker auf das Schreiben konzentrieren. Seinem Stil, leicht absurd, in bildhafter Sprache und mit einem Augenzwinkern zu schreiben, will er jedoch treu bleiben. Gleiches gilt seinem sympathischen Faible, gelegentlich für manche etwas altmodisch klingende Wörter in seine Sprache einzuflechten.

Rezension Belgieninfo

Buchrezension Monumental

"Architektur ist Machtdemonstration" - mit diesem prägnanten Satz beginnt das Buch "Monumental: Macht und Architektur in Brüssel". Denn wie Autor Manuel Schmitz hervorhebt: Je mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen, desto größer kann gebaut werden. Manche Bauwerke würden den Machtanspruch ihres Besitzers beziehungsweise Bauherren geradezu herausschreien. Ein Paradebeispiel dafür sei der weltberühmte Palast von Versailles in Frankreich. Hier habe sich der "Sonnenkönig" Ludwig XIV. nicht nur architektonisch verewigt, sondern auch eben für alle unübersehbar demonstriert, wie viel Macht er hatte.

Um solche Machtdemonstrationen in Gebäudeform zu sehen, muss man aber natürlich nicht erst nach Paris reisen. Auch Brüssel mit seiner über tausendjährigen Geschichte hat hier viel zu bieten. Das weiß Manuel Schmitz aus eigener Erfahrung, denn der eigentlich aus Trier stammende Schmitz lebt und arbeitet seit mittlerweile vielen Jahren in Brüssel. Mehr noch: Er bringt es Touristen regelmäßig auch selbst als Museums- und Stadtführer nahe.

Zu den ältesten architektonischen Machtdemonstrationen in der Hauptstadt – zumindest von denen, die bis heute erhalten geblieben sind – gehört für ihn zunächst die mittelalterliche Kathedrale von Brüssel. Und dann natürlich das ins Auge springende Rathaus auf der Grand-Place. Das Rathaus zeige nämlich ebenfalls schon, wie stolz und wie mächtig die Bürger der mittelalterlichen Stadt gewesen seien.

Das Mittelalter ist aber natürlich nur eine der vielen Etappen in der bewegten Geschichte der Stadt. Eine andere, die das Erscheinungsbild Brüssels bis heute massiv prägt, ist dann die Zeit um die Gründung des Königreichs herum. Aus dieser Entstehungsphase des heutigen Belgiens stechen für Schmitz zunächst zwei Bauwerke besonders hervor – die zwei Königspaläste der Stadt: der, wenn man so möchte, "Privatpalast" in Laeken und der etwas öffentlichere Palast in der Stadtmitte. Letzterer sei topographisch dem Parlament gegenübergestellt, die beiden Institutionen blickten sich – über die Bäume des dazwischenliegenden Parks – sozusagen in die Augen, führt Schmitz aus.

Der Stadtpalast veranschauliche aber auch gut die Vision des Königshauses: Der Palast ziehe sich nämlich auffällig in die Länge, er betone die Horizontale in seiner Architektur. Sich so breitzumachen im Stadtraum sage eigentlich aus, dass man für Stabilität stehe, so Schmitz. Das belgische Königshaus betrachte sich selber also als eine Institution der Einheit und Stabilität. Wohingegen das gegenüberliegende Parlament eher für die Debatte, für den Wechsel der Regierung stehe.

Ein weiteres Wahrzeichen der Stadt, das in keiner Besichtigung fehlen darf und das wirklich jeder zumindest grob vor Augen hat, ist dann natürlich das Atomium. Und auch das sei mit seinem zunächst vielleicht verrückt anmutenden Design ein Symbol, das etwas ausstrahlen sollte.

Um zu wissen, was, müsse man sich zunächst seine Entstehungsgeschichte in Erinnerung rufen. Denn das Atomium wurde ja 1958 anlässlich der ersten Weltausstellung nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut. Für das "kleine" Belgien sei es also auch darum gegangen, sich auf der internationalen Bühne zu präsentieren. Das Atomium sei also von vornherein nicht nur als Symbol für die Weltausstellung gedacht gewesen, sondern mit seinen über hundert Metern Höhe auch als ein Symbol nationaler Größe.

Macht sollte aber nicht nur über die Größe der Konstruktion demonstriert werden, sondern auch über sein Design: Denn das besteht ja aus neun Kugeln. Und in den 1950er-Jahren hatte Belgien neun Provinzen. Man könne also argumentieren, dass die neun durch Röhren verbundenen Kugeln für die damaligen neun Provinzen standen, die sich zu einem, starken Element zusammenfügten – am Ende bekomme man also nicht nur das Eisen, dessen Kristall die Anordnung darstellt, sondern eben auch den Wahlspruch des Landes "Einheit macht stark".

Wie stark es um diese "Einheit" tatsächlich bestellt ist, ist in den vergangenen Jahrzehnten aber bekanntermaßen immer wieder infrage gestellt worden. Und diese gemeinschaftspolitischen Untiefen könne man auch an der späteren Geschichte des Atomiums ablesen, meint Schmitz. Ursprünglich sei ja geplant gewesen, das Atomium nach der Weltausstellung wieder abzubauen. Bis sich die zunächst temporär angelegte Konstruktion eben als wunderbare Touristenattraktion entpuppt habe.

Das Problem dabei sei allerdings gewesen, dass sich niemand so wirklich verantwortlich gefühlt habe für diese neue Attraktion, die einzelnen Teile des Landes seien ja dabei gewesen auseinanderzudriften. Die Folge: Die anfangs glänzenden Kugeln hätten nach und nach ihren Glanz verloren. Bis sich Anfang der 2000er-Jahre irgendwann die Frage gestellt habe, was nun weiter mit dem unansehnlich gewordenen Eisenkristall-Modell geschehen sollte. Schließlich habe man sich dann auf eine Sanierung geeinigt, heute erstrahlten die Kugeln ja wieder.

Bezeichnend sei allerdings, dass als Begründung für diese Sanierung vor allem der in Zeiten des Städtemarketings wichtig gewordene "ikonische" Status des Gebäudes angeführt worden sei. Es sei also vielleicht gar nicht so sehr darum gegangen, eine nationale Botschaft auszusenden, so Schmitz, sondern vor allem auch darum, weiter dafür zu sorgen, dass die Touristen nach Brüssel kommen, um das Atomium zu bewundern. So habe sich also ein bisschen auch die Wahrnehmung dieses Symbols gewandelt.

Belgischer Rundfunk BRF

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